schreibtischtaeter und traditionslose energetik-article

christian rösner
wienerzeitung, 19 01 2000
www.wienerzeitung.at

Das Projekt von Burkhard Stangl und Christof Kurzmann, das am 30. Jänner im Porgy&Bess zu hören sein wird, heißt schlicht und ergreifend "Schnee". Hier trifft instrumentale Klangerzeugung in Form einer Gitarre auf die Welt der Elektronik, des Computers, und verschmilzt - wie Schnee bei Tauwetter.
"Christoph Kurzmann kenne ich schon lange und in vielen Zusammenhängen - durch gemeinsame Freunde, politische Aktionen und durch das Musizieren miteinander. Schnee ist 1999 entstanden und dazu gibt es eine lustige Geschichte: In diesem Jahr durfte Kurzmann zum ersten Mal nach seiner Wehrdienst-Verweigerungszeit wieder ausreisen. Wir sind also nach New York und haben im Galapagos gespielt. Nach dem Konzert ist dann Jon Abbey von Erstwhile-Records zu uns gekommen und hat gemeint, er will eine CD von uns haben.

Und obwohl wir davor noch nie zu zweit im Duo musiziert hatten, sagten wir zu. Abbey hat das Ganze produziert und uns Geld für die Sache zur Verfügung gestellt. Am 28. Dezember 1999 haben wir - wieder in Wien angekommen - uns bei Amann-Studios für drei Tage eingetragen. Alles war total verschneit und es lag eine ganz eigene Stimmung in der Luft. Wir sind dann ins Studio gekommen, haben aufgebaut, begonnen zu spielen und waren in nur drei Stunden fertig. Wir hatten eineinhalb Stunden Material, haben das auf 73 Minuten zusammengeschnitten und fertig. Es wurde auchnichts gemischt: Bounce to Disc". Gitarre und ein G3-Powerbook - wie passt das zusammen? "Naja, dass Christof Powerbook spielt, war von vorneherein klar. Ich habe mir gedacht, ich möchte dem Computeretwas Akustisches entgegensetzen und habe zum größten Teil auch nur akustische Gitarre gespielt. Das hat so gut funktioniert, dass ich gar nicht mehr zu E-Gitarre als elektroakustisches Aggregat greifen wollte. Aber ich glaube, diese Verbindung ist im Moment nach der langen Elektronikphase in der Musikentwicklung stark vorhanden. Instrumente finden wieder mehr Berücksichtigung". "Schnee" basiert auf freier improvisierter Musik. Eine Struktur gibt es aber schon. "Wir spielen sehr wohl mit ausgewähltem Material. Die Beschränkung geht sowohl von Kurzmanns Festplatte aus, als auch von mir. Denn ich verwende die unterschiedlichsten Stimmungen auf meiner Gitarre, die eben nur bestimmte Dinge zulassen. Ich verfüge über einen ganzen Katalog von Stimmungen, mit denen man die unterschiedlichsten Atmosphären erzeugen kann. Dabei sind die Gitarren bei Schnee in Vierteltönen gestimmt - wenn ich also Flageolets auf zwei verschiedenen Saiten spiele, können interessante Schwebungen entstehen. Und wir fangen immer mit dem gleichen Klangbild an". Was die Musik betrifft, so bezeichnet sich Stangl selbst als "mittlerer Spätzünder". "Ich habe einen grausamen Klavierunterricht als Kind gehabt und dann erst aus Protest Gitarre gelernt. Gespielt habe ich die ganzen Klassiker aus den Sechziger Jahren, wie es jeder macht.

Später interessierte mich die klassische Gitarre. In Wien - ich komme ursprünglich aus Eggenburg im Waldviertel - habe ich dann begonnen, Musikwissenschaften und Völkerkunde zu studieren und nebenbei immer in Bands gespielt. Ambitionen, Profimusiker zu werden hatte ich allerdings nicht. Ich habe aber doch immer privat im stillen Kämmerlein mit Klängen experimentiert - ich bin sozusagen ein Schreibtischtäter - und ich wusste gar nicht, dass es diesbezüglich eine Tradition gibt. Ich habe mich im alten Jazz und hauptsächlich im Rock gut ausgekannt, aber die freie Improvisationsszene war mir eigentlich nicht so geläufig. Zu dieser Zeit kamen auch die ersten Kompositionsversuche im Zuge des Studiums, und so bin ich dann im avancierten Jazz gelandet. Dann habe ich mich sukzessive aus diesem Jazzkontext herausgeschält, weil es mir zu bieder, brav und zum Teil zu männlich besetzt war. Es gibt keine Kunstform, die so von Männern dominiert ist - mit Ausnahme der Klassik vielleicht. Jetzt bin ich bei strukturiert improvisierte Musik gelandet". Die musikalische Ausbildung ist für Stangl allerdings nicht ausschlaggebend für die Musik bzw. Kreativität. "Ab dem Zeitpunkt, wo man beginnt, etwas in Noten aufzuschreiben - was ja manchmal als Notwendigkeit erscheint, um etwas zu strukturieren - ist man mit drei- oder vierhundert Jahre alter abendländischen Musikgeschichte konfrontiert. Und der Ballast von Struktur, Form, Harmonielehre, von dem man sich sonst distanziert, ist plötzlich da. Die Erfahrung führt dann oft dazu, dass viel zu konventionelle Dinge rauskommen, weil man sich in einer Art Gefängnis bewegt. Und letztlich bedeutet es dann viel Arbeit, um darüber hinweg zu gehen. Und das hängt dann von der Produktionsmethode ab. Ähnlich wie in der Literatur muss man sich intensiv mit der Sache befassen und viel verwerfen und wieder neu aufgreifen. Mit einem schnellen Direktzugriff, wie der eines Laien, hat man keine Chance. Deswegen hat das Improvisatorische und die Interaktion mit anderen Musikern eine größere Bedeutung für mich. Das Powerbook könnte man vom Zugriff her mit der E-Gitarre vergleichen. Sicher gibt es bei der Gitarre die Tradition des Übens, aber darum geht es in der freien Improvisation nicht". So muss laut Stangl eine Gitarre nicht unbedingt wie eine Gitarre klingen. Es geht in der frei improvisierten Musik um Energetik. Und Energetik braucht keine Tradition.
"Schnee" (Erstwhile/charhizma@charhizma.com).